Christliche Nächstenliebe konkret: Grundrechte und Lebenschancen aller Menschen fördern

Die Klasse 6b des Adalbert-Stifter-Gymnasiums interviewt Julia Stern, Vorsitzende des Kinderschutzbundes Passau, zum Thema Kinderrechte

Der Lehrplan Katholische Religionslehre sieht in der 6. Jahrgangsstufe vor, dass„die Schülerinnen und Schüler die unterschiedlichen Lebensumstände von Kindern in aller Welt wahrnehmen, diese aus der christlichen Perspektive im Wissen um deren soziale, kulturelle und wirtschaftliche Voraussetzungen bewerten und die Notwendigkeit von Verantwortung, Gerechtigkeit und Solidarität erkennen, um jedem Menschen die gleichen Grundrechte zu garantieren und Lebenschancen zu ermöglichen.“

Intensiv haben sich die 19 Schüler unserer 6b im Religionsunterricht in diesem Zusammenhang mit den Kinderrechten auseinandergesetzt, die die UN-Kinderrechtskonvention am 20. November 1989 zusammengestellt hat. Zwar haben sich fast alle Staaten der Erde verpflichtet, diese Kinderrechte aktiv umzusetzen oder zumindest nicht dagegen zu verstoßen, doch die Realität sieht leider anders aus. Immer noch bleibt jedem sechsten Kind weltweit die Chance verwehrt, Lesen und Schreiben zu lernen, weltweit sterben täglich 3000 Kinder unter 5 Jahren an vermeidbaren und behandelbaren Krankheiten, 171 Millionen Kinder werden weltweit wirtschaftlich ausgebeutet und verrichten gefährliche und gesundheitsschädliche Arbeiten, über 100 Millionen Kinder leben weltweit auf der Straße und schlagen sich allein durch, ohne Kontakt zu ihren Familien.

Und hier bei uns? „Weltweit“ bedeutet immer auch „weit weg“. Geht es nicht allen Kindern in Deutschland gut, zu gut? Wie sieht es in unserem reichen Land, wie sieht es konkret in Passau mit der Situation der Kinder aus? Und – vor allem – wer kümmert sich darum, dass die Kinderrechte umgesetzt werden? Diesen Fragen wollte die 6b nachgehen und hat deshalb Julia Stern als Expertin in den Unterricht eingeladen. 45 Minuten lang beantwortetet sie freundlich, geduldig und mit großem Gespür für kindliches Denken die Fragen der Klasse und stellte die Arbeit des Kinderschutzbundes vor. Dabei wurde den Kindern zunehmend bewusst, dass auch in unserer Stadt viele Familien dringend Unterstützung brauchen, nicht nur finanziell, sondern auch bei der Erziehung der Kinder, damit alle – unabhängig vom sozialen Status, vom Bildungsgrad, von der Hautfarbe oder dem Herkunftsland – Geborgenheit erfahren, gefördert werden und einen guten Start ins Leben bekommen. „Der tragende Grundgedanke des Kinderschutzbundes ist es, Kindern ein gesundes und glückliches Aufwachsen in der Familie zu ermöglichen.“ So brachte Julia Stern die Ziele ihres Vereins auf den Punkt.Sie erläuterte den interessierten Schülern die vielen Angebote des Kinderschutzbundes, in denen Kinder und ihre Eltern „Hilfe zur Selbsthilfe“ erfahren, vom „Familiencafe“ über ehrenamtliche „Familienpaten“ bis hin zum „Nottelefon für Kinder“. Erstaunt reagierte die Klasse auf die Tatsachen, dass sich jährlich bis zu 1700 Passauer Kinder in der Kleiderkammer von Kopf bis Fuß einkleiden, weil sich die Eltern teure Kinderkleidung nicht leisten können, und dass der Kauf von Schulmaterialien, Schullektüren oder die Finanzierung von Klassenfahrten, Instrumentalunterricht und Sportvereinsbeiträgen – für viele Schüler eine Selbstverständlichkeit – so manche Familie finanziell völlig überfordert. In all diesen Fällen kann der Kinderschutzbund niederschwellig helfen, d.h. ohne behördliche Anordnung und ohne komplizierte Anträge, und leistet damit einen wichtigen Beitrag dafür, dass alle Kinder die gleichen Rechte haben, am Leben teilnehmen können und niemand massiv benachteiligt wird.

Zunehmend wuchs während dieser außergewöhnlichen Unterrichtsstunde in vielen Schülern das Bewusstsein, dass das Gebot der christlichen Nächstenliebe sich vor allem auch in der Förderung der Grundrechte und Lebenschancen aller Kinder, aller Menschen konkretisiert, und dass Solidarität mit den Schwachen schon da beginnt, wo man keinen Mitschüler und keine Mitschülerin aufgrund der finanziellen Situation der Familie ausgrenzt oder auslacht.

Text: Andrea Carl

Fotos: Hans Grimm