Die Theaterbühne als Paradies – Das ASG-Theater spielt „Der Brandner Kaspar und der ungeteilte Himmel“

„Engel Translator“ und „Gebeinehändler“ (von links: Tamara Wurm, Andreas Froschermaier) werden vom Brandner Kaspar (Nicholas Wimmer, rechts) mit „Kerschgeist“ abgefüllt, kritisch beobachtet vom neugierigen „Petz-Engerl“ (Anna Hengstermann), das später den Skandal aufdeckt.

„Ausgerechnet das altbekannte Stück vom Brandner Kasper aufzuführen, das erfordert eine Portion Mut.“ Wie StD Stefan Winter in seiner Begrüßungsrede so treffend anmerkte, wagte sich unsere Theatergruppe trotzdem an diese Geschichte vom Kartenspiel mit dem Tod heran und brachte dabei kein wieder aufgewärmtes Volksstück, sondern etwas ganz Neues auf die Bühne: „Der Brandner Kaspar und der ungeteilte Himmel“. Für diese Neubearbeitung diente die Handlung des altbekannten Volksstücks lediglich als roter Faden für eine komödiantische Mixtur aus unterschiedlichen Handlungssträngen, kabarettistischen Szenen und frechen Anspielungen auf die aktuelle Politik und Gesellschaft.

Der Leiter der aktuellen Theatergruppe, Thomas Carl, setzte mit dieser unterhaltsamen, mitunter skurrilen Show und vielen Figuren und Anspielungen aus der ASG-Theatergeschichte unter der Ägide Carl / Steinmüller einen fulminanten Schlussstrich unter die gemeinsame, mehr als 20 Jahre dauernde Tätigkeit. Um dies gebührend zu feiern, standen nicht nur unsere 30 aktuellen Schauspielerinnen und Schauspieler im Rampenlicht, sondern 17 Ehemalige kehrten auf ihre Schulbühne zurück und schlüpften dafür noch einmal in frühere Rollen.

Schon in der Originalhandlung des „Brandner Kaspar“ finden sich im ASG-Theater einige Verfremdungen: Der Boandlkramer ist hier der „Gebeinehändler“ (Andreas Froschermaier), der, aus Berlin stammend, seinen Engel „Translator“ braucht, um den Urbayern Kaspar, überzeugend verkörpert durch Nico Wimmer, überhaupt verstehen zu können. Zudem erscheint der Tod der Brandnerkinder, in Erinnerung an eine frühere Theateraufführung, deutlich mysteriöser: Tratschweiber setzen das Gerücht in die Welt, jene seien auf der Suche nach Adalbert Stifters Bergkristall erfroren, sodass der Schutzengel (Lukas Spitzenpfeil als Gast) um seinen guten Ruf fürchten muss.

Bevor der Brandner am Ende nach einem schauerlichen Flug durch personifizierte Naturgewalten ins Paradies schauen darf, finden dort große Veränderungen statt. Zu Beginn genießen die griechischen Götter gerade Nektar und Weintrauben, als plötzlich bayrisches Himmelspersonal, angeführt von Bavaria (hintergründig wie die leibhaftige Kinseher: Veronika Luther), mit tönender Blasmusik und Bayernfahne einmarschiert, um die insolventen Olympier zu vertreiben. Entschlossen dekorieren die Heilige Petra und Erzangela (überzeugend und mit hoher Bühnenpräsenz: Lena Fischl und Josepha Stang) den Himmel um, während unter jubelndem Beifall Sebastian Frankenberger als „Heiliger von Auerbach“ selbstironisch die Geschichte seiner Heiligsprechung erzählt: Als Märtyrer ging er im Osterfeuer in Rauch auf. Als auch noch eine „Werbeabteilung“ der Muslime mit tanzenden Jungfrauen auftaucht und ebenfalls Anspruch auf einen Teil des Himmels erhebt, muss eine Einigung zwischen den drei Parteien her. In einer hitzigen Talkshow-Diskussionsrunde mit Abgesandten der himmlischen Fraktionen, geleitet vom smarten Moderator Moritz Schuhbauer, findet man eine faire Lösung: Der Himmel wird dreigeteilt. Doch die himmlischen Gestalten müssen sich dafür in vertraglich vereinbarten Grenzen jeweils auf einer kleinen Fläche zusammenpressen. Den Griechen, Bayern und Muslimen wird es daher schnell zu eng und sie entscheiden sich einstimmig: Die Grenzen müssen weg! So einigt man sich auf einen „ungeteilten Himmel“. Auch die Bayern verzichten hierfür schweren Herzens auf Maut und Obergrenze. Nach dieser Verbrüderung helfen alle im Himmel dabei, den Brandner Kaspar willkommen zu heißen, und erlauben ihm trotz seiner Sünden letztlich, bei seiner Familie zu bleiben, „auf der ASG-Bühne, mitten im Paradies“.

Der großartige Zusammenhalt, die Spielfreude und Kooperation einer großen Schauspieltruppe wurden von Licht und Ton sowie Maske, Garderobe und Bühnenbild, dieses Jahr erstmals geleitet von Lucie Bendel, perfekt in Szene gesetzt. Die Kulisse veranschaulichte dabei die Erweiterung des Volkstheaterstücks auch auf bildlicher Ebene: Während die Nebenbühne eine traditionelle, urige Brandnerstube zeigte, stellte die Hauptbühne nicht etwa nur einen typischen bayerischen Himmel dar. Vielmehr wurde der Wohnkonflikt im Paradies mittels verschiedenfarbiger Luftballons deutlich, durch eine entsprechende Beleuchtung betont: in Silber und Gold für die Olympier, in Weiß-Blau für die Bayern und in bunten Farben für die Muslime. Ein symbolischer Austausch gegen Ende des Stücks veranschaulicht die Vereinigung und Zusammenführung.

Der Brandner Kasper darf im Himmel bleiben, Thomas Carl und Christine Steinmüller hingegen, die über 20 Jahre die Theatergruppe leiteten, verlassen nun ihr „kleines Paradies“, das ASG-Theater. Doch die gemeinsamen Erlebnisse in der großen Theaterfamilie verbinden weiterhin. Dies zeigte sich an den Ehemaligen, die freiwillig auch Jahre nach ihrer ASG-Zeit die Proben mitgestalteten und mit Begeisterung auf die Bühne zurückkehrten, an der tatkräftigen und fachmännischen Mitarbeit früherer Techniker und an der unermüdlichen Arbeit von Christine Steinmüller, die es sich auch als Pensionistin nicht nehmen ließ, die Abteilung Maske, Bühnenbild und Garderobe maßgeblich zu unterstützen.

Kooperation, Kreativität und Theaterbegeisterung sollen am ASG selbstverständlich nicht einschlafen – Lucie Bendel führt zunächst den Oberstufenkurs weiter und ein Neuanfang ist bereits in Planung.

Text: Judith Carl

Foto: Rudi Müller