Rückkehr einer ASG-lerin – mit Poetry-Slam

Gymnasial-Lehrerin und Schriftstellerin Theresa Sperling aus Nordhorn fasziniert Zehntklässler

Ein Kontrastprogramm zum regulären Deutschunterricht hat das Adalbert-Stifter- Gymnasium den Zehntklässlern beschert: Poetry-Slam mit einer ehemaligen ASG-Schülerin, die in ihrer Wahlheimat in Niedersachsen als Oberstudienrätin jetzt selbst Deutsch, Englisch und Darstellendes Spiel unterrichtet.

In Passau, wo die gebürtige Berlinerin von 1981 bis 1991 lebte, war Theresa Sperling diese Woche freilich als Schriftstellerin gefragt. Nicht zuletzt dank ihrer Rolle als zweifache Mutter hat sie die Jugendsprache voll drauf und outet sich auch noch als süchtig – nach Schreiben.

„Das katapultiert einen aus dem Alltag raus“, begründet Theresa Sperling ihre Leidenschaft für die Schriftstellerei. Ohne Schreiben gehe es bei ihr nicht mehr – „das hat Suchtfaktor“, gesteht die ASG- Abiturientin, die 2009 damit angefangen hat, Texte zu verfassen. Während der längeren Autofahrt in den Urlaub habe sie mit ihrem Mann darüber diskutiert, was wohl einen literarischen Bestseller ausmache. Am Ziel sei es gleich losgegangen mit ihrem Erstling „Tiefenwelt“, eine sogenannten Dystopie, die ebenso wie das aktuelle Werk „Mittelmeersplitter“ viele autobiografische Züge trage, so die Autorin.

Als auf die Frage an das junge Publikum, ob denn niemand Schriftsteller werden wolle, keine Antwort kommt, plaudert Theresa Sperling mit einem Augenzwinkern buchstäblich aus der Schule – konkret aus ihrer Zeit am ASG, wo keiner ihren Hang zum Schreiben bemerkt habe. „Meine Aufsätze waren irgendwo zwischen eins und drei“, lässt sie unsere Zehntklässler wissen und erklärt, drei Jahre lang an ihrem Roman geschrieben zu haben.

Theresa Sperling charakterisiert sich selbst als keine intellektuelle Schriftstellerin, sondern als Mainstream-Schreiberin. Sie bedauert es sehr, keine Zeit zum Lesen mehr zu finden: „Ich merke natürlich, dass da was fehlt.“ Trotzdem denkt die Gymnasiallehrerin nicht daran, ganz aus diesem Beruf auszusteigen – „weil ich genau mit den Leuten arbeite, für die ich schreibe.“ Der Roman „Mittelmeersplitter“ mit dem Untertitel „Eine Geschichte vom Liebenlernen und Lebenwollen“ richtet sich exakt an Jugendliche um die 16, für die „das erste Mal“, wie einer von Theresa Sperlings Slam-Texten heißt, durchaus Thema ist.

Interaktiv wird‘s in der unserer Bibliothek, als die Slammerin drei weitere Texte vorträgt und allesamt von den jungen Zuhörern bewerten lässt. Die Überraschung: Für die Passage mit der Überschrift „Sezierung“, die sich hauptsächlich um den Schönheits- und Schlankheitswahn pubertierender Mädchen dreht, gibt es die mit Abstand wenigsten Punkte. Kommentar von Theresa Sperling: „Damit habt ihr gerade meinen Landesmeisterschafts-Text zerstört.“ In der Tat hat sie 2015 mit „Sezierung“ den niedersächsisch-bremischen Titel geholt. „Das liegt an dieser Schule“, mäkelt die Autorin verschmitzt lächelnd.

Theresa Sperling macht kein Hehl daraus, dass die Zeilen aus ihrer Feder „nicht ganz leichte Kost“ sind, wie sie vor der Lesung aus „Mittelmeersplitter“ betont. „Ich kann keine lustigen Texte schreiben“, erwidert sie auf die Frage von Physiklehrer Günther Mandl, warum sie nichts Lustiges verfasse. Nein, die Slammerin nennt die Dinge, meist Problematisches, auch Intimes, beim Namen, kommt auf den Punkt – ohne Umschweife, mitunter knallhart. Doch gerade damit scheint sie den Nerv ihrer Zielgruppe zu treffen, wenn Protagonisten sich beispielsweise über hypochondrische Anwandlungen austauschen oder aber „mütterliche Schwachmaten- Ideen“ verteufeln.

Ebenso schwingt viel Gesellschaftskritik mit. Zum Beispiel, als der mit zwei Sträußen in Krankenhaus-Nähe ins Unternehmertum startende Blumenhändler namens Ludwig mit Tag für Tag mehr Erfolg plötzlich durch rigoroses Vorgehen der Behörden all seiner Visionen beraubt wird. Ebenso wenig fehlen politische Botschaften, wie im Slam-Text „Söhne“ der eindringliche Appell an den Sohn, gegen jeden Augenblick des Unrechts und gegen jede Ungerechtigkeit aufzustehen. Dafür geben unsere Zehntklässler einmal die Höchstpunktzahl zehn, für „Ludwigs Blumen“ gleich dreimal.

Bernhard Brunner (PNP)