Die Kleinkunst in der Stadt Passau
von Monika Wachtveitl
6. Das "Scharfrichterhaus"
6.1 Die Geschichte des Scharfrichterhauses und seine Namensgebung (101) (102)
Im Scharfrichterhaus wird im Gegensatz zu den oben genannten Einrichtungen verstärkt Kleinkunst und Kabarett geboten. Das Gebäude in der Milchgasse diente ursprünglich in den Jahren 1200 bis 1443 als gefürchtetes Stadtgefängnis, auch ">Prisilig<" (103) genannt. "Der Ortslegende zufolge soll in der Zeit des beginnenden 30jährigen Krieges (1618-1648) der Student Christian Elsenreiter oder der Henker Kaspar Neithardt in diesem Haus jene hieb-, stich- und schußfest machenden Zauberzettel gefertigt haben, die alsbald bei Freund und Feind als `Passauer Kunst` in höchstem Ansehen standen (...)" (104).
Daß dieses Gefängnis gleichzeitig der Wohnort des Henkers, bzw. des Scharfrichters gewesen sein soll, ist aber lediglich ein Gerücht, "das die Stadtführer sehr gern(e) den Touristen erzählen" (105). Bei der Gründung und der damit verbundenen Namenssuche des Scharfrichterhauses im Jahre 1977 haben sich die Initiatoren auch noch auf "die Tradition des engagierten Kabaretts besonnen" (106). So gab es um die Jahrhundertwende in München eine Kabarettgruppe mit Namen "Die Elf Scharfrichter" (107), in der bekannte Künstler wie Frank Wedekind und Heinrich Lautensack mitgewirkt haben. Hier ist eine gewisse Verwandtschaft zu den eigenen Absichten gesehen worden, und so wurde das neue Kleinkunsttheater "Scharfrichterhaus" genannt.
6.2 Die Entwicklung des "Scharfrichterhauses" von den Anfängen bis Heute
Es gab aber schon vor der Gründung des Scharfrichterhauses Kabarett in Passau. Damals stand die Stadt stark unter dem Einfluß der katholischen Kirche, der Monopolpresse (Passauer Neue Presse) und der zu dieser Zeit allein herrschenden CSU (109). Im Jahr 1975 traten dann erstmals Bruno Jonas und Siegfried Zimmerschied mit ihrem gemeinsamen Programm "Die Konferenz" im Peschlkeller auf (110). In diesem Stück wurden religiöse Personen, unter anderem ein seniler Gottvater, ein "versoffen schwadronierende (r ) Heiliger Geist" (111) und eine zum zweiten Mal schwangere Maria auf die Schippe genommen (112). Der damalige Chefredakteur der Passauer Neuen Presse, Erwin Janik, verhängte deshalb ein sofortiges Nachrichtenverbot über dieses Programm, der Generalvikar erstattete Anzeige wegen Gotteslästerung und die Stadt Passau selber "ordnete ein Aufführungsverbot an" (113). Im März 1977 gründeten dann Walter Landshuter und Edgar Liegl das Scharfrichterhaus "als Unruheherd und Kristallisationspunkt einer Gegenkultur für all jene (...), deren Informationsbedürfnis weder durch die PNP noch durch das Bistumsblatt gestillt (...) werden konnte" (114). Die beiden Initiatoren wendeten sich an Jonas und Zimmerschied (115), so daß diese von nun an im neuen Kleinkunsttheater auftraten. In den beiden Anfangsjahren berichtete die Lokalpresse zunächst begeistert über alle Aktivitäten (116) der dort auftretenden Jazzer, Liedermacher, der angebotenen Lesungen und Filme und über die Kabarettisten (117), die sich, vor allem Sigi Zimmerschied, im Laufe der Zeit ihre "Themen dreist (und effektvoll) aus dem Klüngel vor der Passauer Haustür , zwischen Klerus, Presse und Politik" (118) holten. Dadurch wurde aber die Passauer Obrigkeit gekränkt und ergriff deshalb sofortige Maßnahmen: der Chefredakteur der PNP, Erwin Janik, verhängte eine Nachrichtensperre über Siegfried Zimmerschied (119), die ab dem 5.10.1979 (120) auf alle Scharfrichteraktivitäten ausgedehnt werden sollte (121). Dennoch wurden die beiden Passauer Kabarettisten durch ihre erfolgreichen Auftritte in München und damit verbundenen guten Kritiken bekannt; Zimmerschied erhielt sogar den deutschen Kleinkunstpreis (122). Schließlich ist den Scharfrichtern im Jahre 1980 von der Stadt Passau ein Zuschuß in Höhe von jährlich 6000 DM bewilligt worden, allerdings nur für ">förderungswürdige(...) Aktivitäten<" (123). Diese willkommene Unterstützung löste aber ein gewisses Unbehagen aus, denn durch die Gelder konnte man leicht in Abhängigkeit geraten, und die Toleranz der Stadt konnte schnell in eine Vereinnahmung umschlagen (124). "Die Flucht in die Öffentlichkeit hat (hier) zwar zum Heimsieg verholfen, dafür muß(te) man sich nun aber gegen die Vermarktung als Exotikum wehren - vor allem (durch) (...) Stern- und Spiegelintellektuelle(...), die sich von den Passauer Kabarettisten nur ihre Provinzstereotypen bestätigen lassen woll(t)en" (125). Als der überregionale Meinungsdruck schließlich zu stark wurde und sich auch innerhalb der Redaktion Gegenstimmen regten, nahm die PNP 1981 wenigstens wieder eine Pro-forma-Berichterstattung auf (126). Nichtsdestotrotz war die Lage weiterhin angespannt, was ein Prozeßverfahren gegen Sigi Zimmerschied und Rudolf Klaffenböck zeigt (127). Doch schließlich änderte sich die Lage in Passau nach und nach: so wurde beispielsweise bei den Festspielen "Europäischen Wochen" 1981 der Dichter Heinrich Lautensack gefeiert, der einst bei der berühmten Kabarettgruppe die "Elf Scharfrichter" mitgewirkt hatte; auch die Verteidigung des Scharfrichterhauses durch den Kulturstadtrat Dr. Gottfried Schäffer trug zur Entspannung der Situation bei (128). Und zum zehnjährigem Bestehen des Scharfrichterhauses veröffentlichte die Passauer Neue Presse am 31.März 1987 dann einen Artikel, in dem das Kleinkunsttheater als eine "Wohltat für die Stadt"(129) und als "Tempel der Gegenkultur" (130) bezeichnet wurde. Des Weiteren sei Passau durch diese Einrichtung weltoffener geworden und der ">Provinzmief<" (131) habe sich verzogen. Heute ist die Stadt Passau "sehr stolz auf das renommierte Kleinkunsttheater" (132), das 1997 sein 20jähriges Bestehen feiert. Diese ganze Entwicklung läßt sich vor allem gut an den drei folgenden Karikaturen (133) erkennen: zuerst mußten die Scharfrichter sich der von der Passauer Neuen Presse verhängten Nachrichtensperre fügen; nach deren Aufhebung konnten sie jedoch ungestört Kabarett betreiben, mit dem sie dann schließlich große Erfolge feiern. Die Bedeutung des "Scharfrichterhauses" zeigt sich nicht zuletzt darin, daß dessen Nachwuchswettbewerb um die "Verleihung des Scharfrichterbeils" bereits in bekannten Nachschlagewerken wie der Brockhaus Enzyklopädie aufgeführt wird (134).
6.3 Das "Scharfrichterhaus" allgemein (135)
Dieses Kleinkunsttheater zeichnet sich vor allem dadurch aus, daß das ganze Jahr hindurch den Besuchern, mit Ausnahme einer sechswöchigen Sommerpause, ein kontinuierliches Kulturprogramm geboten wird. Neben hochkarätigem Jazz, einem eigenem Kinoprogramm, Lesungen und Theateraufführungen liegt der Schwerpunkt auf Kabarett. Alle Veranstaltungen, außer den Kinovorstellungen, werden im hausinternen Lokal durchgeführt, das eine begrenzte Kapazität von ca. 100 Personen besitzt. Das Scharfrichterhaus beherbergte bis Mitte 1996 auch eine von Herrn Kampl betriebene unabhängige Galerie, die aber wirtschaftlich nicht mehr tragfähig gewesen ist (136). Das jeweilige Programm wird von den Initiatoren Walter Landshuter und Edgar Liegl und den meist freien Mitarbeitern bei regelmäßigen Treffen erarbeitet und zusammengestellt. Von diesen Veranstaltungen sind ungefähr 80% ausverkauft, die verbleibenden 20% zur Hälfte. Da sich das Publikum hauptsächlich aus den Schüler- und Studentenkreisen der Universitätsstadt Passau zusammensetzt, sind die Eintrittspreise, die zwischen 15 und 35 DM liegen, für diese Besucher um fünf DM ermäßigt. Ansonsten sind "gerade bei den Kabarett-Veranstaltungen auch ein hoher Anteil mittlerer und älterer Altersgruppen vertreten" (137). Insgesamt kommt die Hälfte aller Zuschauer aus dem Passauer Landkreis oder von weiter her. Deshalb ist die Werbung auch bis Regensburg, München und sogar bis ins Nachbarland Österreich hinein ausgedehnt worden. Die Programmhefte (siehe Foto S. 24: rechts), die an derzeit 1500 Adressen verschickt werden, haben eine Gesamtauflage von 10 000 Stück und werden ansonsten in Banken, Sparkassen und Geschäften ausgelegt. Darüber hinaus erfolgt die Werbung noch über Sammel- oder Einzelplakate, Werbesendungen im Hörfunk und Anzeigen in verschiedenen Zeitungen. Diese Ausgaben sind auch ein wesentlicher Kostenfaktor des 200,000 DM hohen jährlichen Haushaltes, der sich folgendermaßen zusammensetzt: zu 50% aus den Eintrittsgeldern (100,000 DM), zu 30% aus einem Zuschuß der Stadt Passau (60,000 DM), zu 10% aus Sponsorengeldern der "Arcobräu"- Brauerei (20,000 DM), zu 7,5% aus dem Zuschuß des Fördervereins "Kunst im Scharfrichterhaus" (15,000 DM) und zu 2,5% aus Privatspenden und Übertragungsrechten des Bayerischen Rundfunks (5,000 DM). Bei dem zur Veranschaulichung dienenden Kreisschema wurden die Zahlenwerte aufgrund technischer Schwierigkeiten geringfügig verändert:

Von diesen Geldern müssen alle anfallenden Kosten wie Gagen, Verpflegungs- und Übernachtungskosten der Künstler, Raummieten, Versicherungen und Löhne bezahlt werden. In der Zeit von Oktober bis Dezember veranstaltet das Scharfrichterhaus jeweils die "Passauer Kabarett-Tage", welche im Jahre 1996 schon zum 17. Mal stattgefunden haben. Hier wird das gesamte Scharfrichterprogramm verdichtet und unter ein bestimmtes Thema, wie beispielsweise Österreich, gestellt. Die "Scharfrichtertage" sind "ein kleines Festival für Theater, Kabarett, Musik und Kleinkunst" (138). Für diese Veranstaltungsreihe wird ein Programmheft (siehe Foto S. 24: links) gedruckt, das neben der Mundpropaganda dazu beiträgt, die Veranstaltungen dieses Kleinkunsttheaters weiter regional und überregional bekannt zu machen. Es werden sogar einzelne Veranstaltungen im Hörfunk ausgestrahlt, darunter die am Ende der Scharfrichtertage in "Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk und der Abendzeitung München (...) seit 1983 (...)" (139) stattfindende Verleihung des Scharfrichterbeils. Dieser Nachwuchswettbewerb ist bereits für viele junge Kabarettisten das Sprungbrett zu einer eigenen Karriere gewesen. Die "Passauer Kabarett-Tage" und der bundesweit renommierteste Nachwuchswettbewerb um die Verleihung des "Scharfrichterbeils" haben in der Zwischenzeit bereits zahlreiche Nachahmer in ganz Deutschland gefunden.
6.4. Das "Scharfrichter"- Kino (140)
Das Gebäude des Kleinkunsttheaters beinhaltet auch das davon unabhängige Scharfrichterkino. Dessen Räumlichkeiten hat der Passauer Kinobetreiber Manfred Vesper seit dem 5. Februar 1987 angemietet. Die Initiative dazu ging aber von Walter Landshuter aus, der sich an Vesper mit der Idee, ein zum übrigen Programm passendes Kino im Scharfrichterhaus einzurichten, wandte. In dem dafür vorgesehenen Raum ist bereits einige Jahre lang versucht worden, einmal in der Woche ein ambitioniertes Kino durchzuführen, das aber vom Publikum nicht angenommen worden ist. Heute hat dieses kleine Filmtheater ein festes Stammpublikum mit intellektuellem Anspruch, das vor allem niveauvolle Filmkunst schätzt. Die Besonderheit dieser Einrichtung ist, daß im Gegensatz zu anderen Kinos hier ein Programmkino betrieben wird. Damit ist gemeint, daß dem Cineasten schon Wochen vorher ein ausführliches Programm, das "TRAILER" (siehe Foto S.26), zur Verfügung steht, aus dem die Filme genau nach Tag und Uhrzeit zu ersehen sind. Dies ist auch das Hauptwerbemittel, das in einer Auflage von 6000 Exemplaren gedruckt und in verschiedenen Geschäften verteilt, ausgetragen und mit der Post verschickt wird. Mit den Filmen, die in das sonstige Scharfrichterprogramm hineinpassen, will Vesper einen speziellen Kundenkreis erreichen, den er mit Mainstream - Filmen seiner Aussage nach nur vertreiben würde. Der Eintrittspreis beträgt für den normalen Kinobesucher zehn DM, für Studenten neun DM und für Gilde-Karten-Inhaber acht DM. Durchschnittlich wird für eine Eintrittskarte 8,80 DM bezahlt, woraus man schließen kann, daß hauptsächlich Studenten und Gilde-Karten-Inhaber das Programmkino schätzen.

Das Scharfrichterkino hat aber keinen festen Etat, da dieser im Kinogeschäft immer von den Besucherzahlen der Filme abhängt und jährlich differiert. Außerdem kann dieses Filmtheater wirtschaftlich nur bestehen, weil der Betreiber auch noch Einnahmen aus dem Promenade-Kino und dem Metropolis besitzt, die er ebenfalls führt. Das gesamte Kinoprogramm wird fast ausschließlich von Herrn Vesper festgelegt; darüber hinaus gibt es noch einen sogenannter Programmbeirat. Er besteht aus Herrn Landshuter, Herrn Vesper, zwei Professoren der Universität Passau und zwei weiteren Mitarbeitern, die bei ihren regelmäßigen Treffen gemeinsam die verschiedenen Filmreihen ausarbeiten und sie bei dem jährlichen Wettbewerb des Bundesinnenministers zur Förderung der Filmkunst einreichen. Neben diesem bisher jedes Jahr gewonnen Geldpreis von 10 000 DM gewann das Scharfrichterkino mit dem Beitrag zur Filmreihe "100 Jahre Kino" 1995 auch noch den mit 10 000 DM dotierten Sonderpreis, der bundesweit lediglich siebenmal verteilt worden ist (141). Diese Geldpreise sind zweckgebunden, d.h., es müssen beispielsweise Investitionen im jeweiligem Haus erfolgen, damit man die Gelder erhält. Diese können im Scharfrichterkino jedoch nicht dazu verwendet werden, einen weiteren Spulenturm zu kaufen, um die inzwischen traditionell gewordenen Filmspulenwechsel während einer Vorstellung zu vermeiden, denn der Vorführraum ist bereits mit einer Maschine zu klein. Auch der Kinoraum selber hat mit seinen 74 Sitzplätzen (142) seine maximale Nutzung erreicht. Doch genau diese Tatsachen gehören laut Herrn Vesper zu der sicherlich "ungewöhnlichsten Kinoseele Deutschlands" (143) einfach dazu.
Text: Monika Wachtveitl; HTML: Thomas Zimmermann, Stefan Ebbert, Juli 1997.